Horst-Eberhard Richter gehörte zu den bedeutenden deutschen Psychoanalytikern und Sozialpsychologen. Seine Arbeiten über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, die seelischen Folgen von Krieg und Gewalt sowie die gesellschaftliche Verantwortung der Psychologie beeinflussten mehrere Generationen.
Im Gespräch mit Thomas Grimm und Jonathan Landgrebe blickt Richter auf seinen persönlichen und beruflichen Lebensweg zurück. Dabei verbindet er Erinnerungen an die Nachkriegszeit mit grundsätzlichen Überlegungen über menschliche Beziehungen, Macht, Politik und gesellschaftliche Verantwortung.
Kriegserfahrungen und der Weg zur Psychoanalyse
Horst-Eberhard Richter erinnert sich an seine Rückkehr nach Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Eltern sind ermordet worden, zahlreiche Freunde gefallen, das Elternhaus ist teilweise zerstört.
Die persönlichen Verluste prägen sein weiteres Leben. Richter schildert, wie er und seine spätere Ehefrau versuchten, mit den Erfahrungen des Krieges umzugehen und daraus eine neue Lebensperspektive zu entwickeln.
Nach seinem Studium der Philosophie und Medizin wendet er sich zunehmend der Psychiatrie und Psychoanalyse zu.
Er berichtet über seine frühe Arbeit mit Kindern und Familien und über Konflikte mit einer Medizin, die psychische Erkrankungen vor allem biologisch erklärte und die Lebensumstände der Patienten zu wenig berücksichtigte.
Eltern, Kinder und die Verantwortung der Psychologie
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.
Richter erläutert, wie ungelöste Konflikte und Ängste der Eltern das Leben ihrer Kinder beeinflussen können. Anhand seiner therapeutischen Erfahrungen beschreibt er, weshalb die Behandlung eines Kindes häufig nur dann erfolgreich sein kann, wenn auch die familiären Beziehungen berücksichtigt werden.
Er spricht über sein bekanntes Buch „Eltern, Kind und Neurose“ und seine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit anderen psychoanalytischen Schulen.
Dabei hinterfragt er auch die Rolle der Therapeuten selbst. Persönliche Überzeugungen und unbewusste Vorannahmen könnten beeinflussen, wie Psychologen ihre Patienten wahrnehmen und beurteilen.
Psychoanalyse, Politik und gesellschaftliche Verantwortung
Für Horst-Eberhard Richter ist die Psychoanalyse niemals ausschließlich eine Angelegenheit des einzelnen Menschen.
Er erinnert an Psychoanalytiker, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden, und spricht darüber, weshalb sich die Psychologie auch mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und politischen Entwicklungen beschäftigen müsse.
Besonders wichtig ist ihm dabei die Frage, wie Angst, Unsicherheit und das Streben nach Stärke politische Entscheidungen beeinflussen.
Richter beschreibt seine Verbindung zur Friedensbewegung und seine Auseinandersetzung mit der atomaren Aufrüstung während des Kalten Krieges.
Willy Brandt, Helmut Schmidt und die Sehnsucht nach Veränderung
Ausführlich spricht Richter über Willy Brandt und Helmut Schmidt. Er erinnert sich an persönliche Begegnungen und erklärt, weshalb er ihre politischen Vorstellungen unterschiedlich beurteilt.
Während er Brandts Versöhnungspolitik besonders würdigt, kritisiert er Schmidts Haltung zur atomaren Abschreckung.
Das Gespräch führt weiter zu Barack Obama und zur Frage, weshalb politische Persönlichkeiten zu bestimmten Zeiten große gesellschaftliche Hoffnungen verkörpern können.
Richter betrachtet politische Entwicklungen dabei auch aus psychoanalytischer Perspektive: Welche Rolle spielen Angst, das Bedürfnis nach Sicherheit und die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft?
Ein außergewöhnlich persönliches Zeitzeugengespräch mit einem Arzt, Wissenschaftler und engagierten Intellektuellen, der psychologisches Denken stets mit der Verantwortung für Frieden, Demokratie und menschliches Zusammenleben verband.
Weitere Zeitzeugen und Filme zum Thema
Margarete Mitscherlich – Über das Ende der Friedfertigkeit
Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich
verbindet psychologisches Denken mit Fragen
nach gesellschaftlicher Verantwortung,
Gewalt und menschlichem Zusammenleben.
Die DVD-Edition ist im GrimmChronik-Shop erhältlich.
Frau Walter Jens
Eine filmische Hommage an Inge und Walter Jens.
Der Film erzählt vom gemeinsamen Leben,
dem literarischen Schaffen und den Veränderungen
durch Walter Jens‘ fortschreitende Demenz.
Hans Heinz Holz
Der Philosoph und Kunstkritiker Hans Heinz Holz
spricht über seinen Lebensweg, philosophische
Überzeugungen und das Verhältnis von
Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.