Heinrich Scheel (1915–1996) gehörte zu jenen Deutschen, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten und dafür Verfolgung, Gefängnis und die Gefahr eines Todesurteils auf sich nahmen.
Als junger Geschichtsstudent in Berlin fand Scheel Verbindung zu oppositionellen Kreisen und schließlich zu jenem Widerstandsnetzwerk um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack, das von der Gestapo unter der Bezeichnung „Rote Kapelle“ zusammengefasst wurde.
In zwei ausführlichen Zeitzeugengesprächen erinnert er sich an die Entstehung des Widerstands, die Erfahrungen im nationalsozialistischen Alltag, seine Verhaftung und die Zeit vor dem Reichskriegsgericht.
Dabei erzählt Scheel nicht nur von politischen Überzeugungen und historischen Ereignissen. Im Mittelpunkt stehen immer wieder die Menschen, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Ängste.
Teil 1 – Widerstand im nationalsozialistischen Alltag
Studieren unter der Diktatur
Heinrich Scheel begann sein Geschichtsstudium in einer Zeit, in der die nationalsozialistische Gleichschaltung die deutschen Universitäten bereits weitgehend erfasst hatte.
Er beschreibt den Alltag zwischen angepassten Studenten, politisch konformen Dozenten und wenigen verbliebenen kritischen Stimmen.
Wer sich dem Regime widersetzte, musste lernen, vorsichtig zu sein. Schon eine unbedachte Bemerkung konnte gefährlich werden. Gleichzeitig war es notwendig, andere Menschen zu finden, die ähnliche Überzeugungen teilten.
Scheel erzählt anschaulich, wie er im Laufe der Jahre ein Gespür für solche Menschen entwickelte.
Wie erkannte man einen Gegner Hitlers?
Besonders eindrücklich ist seine Erinnerung an die Begegnung mit einem älteren Geschichtsstudenten, den er zunächst nur aus den Vorlesungen kannte.
Scheel vermutete aufgrund seines Auftretens, dass dieser kein Anhänger des Nationalsozialismus sein könne.
Unter einem alltäglichen Vorwand suchte er Kontakt. Aus Gesprächen über Professoren und historische Themen entwickelte sich langsam gegenseitiges Vertrauen.
Erst als beide ihre Wertschätzung für den marxistischen Historiker Franz Mehring erkennen ließen, wurde deutlich, dass sie ähnliche politische Überzeugungen teilten.
Aus dieser Begegnung entstand eine Zusammenarbeit im illegalen Widerstand.
Scheels Schilderung vermittelt auf ungewöhnlich persönliche Weise, wie unter den Bedingungen einer Diktatur Vertrauen entstehen konnte.
Vom politischen Gegner zum Widerstandskämpfer
Bereits 1933 hatte sich Scheel als Jugendlicher in kommunistischen Zusammenhängen gegen den Nationalsozialismus engagiert.
Er beschreibt, wie sich die zunächst noch vergleichsweise offenen politischen Aktivitäten nach der Machtübernahme Hitlers in illegale Arbeit verwandelten.
Mit der zunehmenden Überwachung und dem Ausbau des Terrorapparates mussten sich auch die Methoden der Widerstandsgruppen verändern.
Für Scheel bedeutete dies ein Leben zwischen äußerlich normalem Alltag und geheimer politischer Tätigkeit.
In seinen Erinnerungen werden die Schwierigkeiten sichtbar, die mit der Herstellung von Kontakten, der Weitergabe von Informationen und dem Schutz anderer Beteiligter verbunden waren.
Harro Schulze-Boysen und die „Rote Kapelle“
Ein wichtiger Teil des Gesprächs beschäftigt sich mit den Menschen und Verbindungen innerhalb des Widerstandsnetzwerks um Harro Schulze-Boysen.
Scheel erinnert sich an persönliche Begegnungen, politische Gespräche und die unterschiedlichen Erfahrungen jener Menschen, die sich gegen die nationalsozialistische Herrschaft stellten.
Er schildert, wie sich aus einzelnen Bekanntschaften und Vertrauensverhältnissen eine Zusammenarbeit entwickelte, die trotz ständiger Gefahr über Jahre aufrechterhalten werden konnte.
Die Erinnerungen eröffnen einen unmittelbaren Einblick in den Alltag eines Widerstands, dessen Beteiligte nicht nur politisch handelten, sondern zugleich ihr persönliches Leben unter den Bedingungen der Diktatur organisieren mussten.
Teil 2 – Verhaftung, Gefängnis und der Kampf ums Überleben
Die Gestapo schlägt zu
Im September 1942 wurde Heinrich Scheel verhaftet.
Im zweiten Teil der Gespräche beschreibt er die Ereignisse vor seiner Festnahme und die zunehmenden Anzeichen dafür, dass die Gestapo den Widerstandsgruppen auf die Spur gekommen war.
Er erinnert sich an die Unsicherheit dieser Tage und an die Versuche, andere Beteiligte vor einer Entdeckung zu schützen.
Mit seiner Verhaftung begann eine Zeit, in der nicht mehr allein die eigene Freiheit, sondern das Leben selbst auf dem Spiel stand.
Gefangenschaft und gegenseitige Hilfe
Besonders eindringlich sind Scheels Erinnerungen an das Gefängnis in Berlin-Spandau.
Dort begegnete er zahlreichen anderen Verhafteten, darunter Menschen aus dem Widerstandsnetzwerk und politischen Gefangenen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten.
Eine besondere Rolle spielte Philipp Schäffer, der über langjährige Hafterfahrung verfügte.
Scheel erzählt, wie Schäffer seinen Mitgefangenen ein Klopfalphabet vermittelte, mit dessen Hilfe sich die Häftlinge über die Zellwände hinweg verständigen konnten.
Er berichtet von heimlichen Gesprächen, von improvisierten Hilfsmitteln und sogar von Russischunterricht, den Schäffer ihm zwischen den Zellen erteilte.
Diese Erinnerungen zeigen, wie selbst unter den Bedingungen des Gefängnisses menschliche Nähe, gegenseitige Unterstützung und geistiger Austausch möglich blieben.
Die Angst vor dem Todesurteil
Einen besonders bewegenden Abschnitt bildet Scheels Erinnerung an den jungen Widerstandskämpfer Heinz Strelow.
Strelow war zum Tode verurteilt worden und fürchtete weniger den Tod selbst als die Art seiner bevorstehenden Hinrichtung.
Er hoffte, während des Transports nach Plötzensee fliehen zu können – selbst wenn er dabei erschossen werden sollte.
Doch dafür benötigte er eine Fluchtadresse.
Scheel und Philipp Schäffer standen damit vor einer schwerwiegenden Entscheidung: Durften sie einem zum Tode Verurteilten helfen, wenn eine solche Flucht weitere Menschen in Lebensgefahr bringen konnte?
Schließlich erhielt Strelow eine Adresse. Nutzen konnte er sie nicht mehr. Er wurde hingerichtet.
Scheel erzählt diese Begebenheit ruhig und ohne Pathos. Gerade dadurch vermittelt sie einen erschütternden Eindruck von der seelischen Belastung der Gefangenen.
Vor dem Reichskriegsgericht
Auch Heinrich Scheel musste mit der Todesstrafe rechnen.
Er erinnert sich an die Prozesse gegen andere Angehörige des Widerstands und an die erschütternde Nachricht, dass mehrere seiner Mitgefangenen zum Tode verurteilt worden waren.
Für Scheel wurde die Vorbereitung seiner eigenen Verteidigung zur Überlebensfrage.
Wichtige Hilfe erhielt er von Adolf Grimme, dem früheren preußischen Kultusminister, der ebenfalls inhaftiert war.
Grimme berichtete ihm von seinen Erfahrungen vor dem Reichskriegsgericht und gab ihm entscheidende Hinweise für sein Auftreten während des Prozesses.
Scheel führt es auch auf diese Unterstützung zurück, dass er nicht zum Tode, sondern zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
Die Freude seiner Mitgefangenen über sein Überleben blieb ihm besonders in Erinnerung.
Zeugnis ablegen für die Ermordeten
Am Ende des Gesprächs wird deutlich, welche Bedeutung Scheel dem Erinnern und dem Weitergeben der eigenen Erfahrungen beimaß.
Viele seiner Freunde und Mitstreiter überlebten die nationalsozialistische Verfolgung nicht.
Diejenigen, die überlebten, konnten später Zeugnis ablegen: über die Menschen, die Widerstand geleistet hatten, über ihre Überzeugungen und über die Verbrechen, denen sie zum Opfer gefallen waren.
Bedeutung als Zeitdokument
„Widerstand als Hochverrat“ ist ein persönliches Zeugnis über den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Die beiden Gespräche vermitteln nicht nur historische Informationen über das Widerstandsnetzwerk der „Roten Kapelle“. Sie machen auch sichtbar, wie Widerstand im Alltag entstand, wie Vertrauen unter gefährlichen Bedingungen aufgebaut wurde und welche menschlichen Konflikte mit illegaler politischer Arbeit verbunden waren.
Besonders die Erinnerungen an die Gefängniszeit zeigen Menschen in existenziellen Situationen: zwischen Todesangst, Hoffnung, Solidarität und der Verantwortung gegenüber anderen.
Heinrich Scheels Erzählungen bewahren die Perspektive eines unmittelbar Beteiligten und ergänzen die historische Forschung um persönliche Erfahrungen, die sich aus Dokumenten und Gerichtsakten allein kaum erschließen lassen.
Die zweiteilige Aufzeichnung ist damit ein eindringliches Dokument über Widerstand, Verfolgung und die Verantwortung, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten.
Eine historische Aufzeichnung aus dem Archiv von Zeitzeugen TV.
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Schauprozesse unter Stalin und ihre Fortsetzung
in Osteuropa, darunter den Prozess gegen
Wolfgang Harich und Walter Janka in der DDR.
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