Wolfgang Leonhard gehörte zu den wenigen Zeitzeugen, die den späteren DDR-Staatschef Walter Ulbricht bereits während des sowjetischen Exils persönlich kannten und 1945 unmittelbar am politischen Neubeginn in Deutschland beteiligt waren.
Im Gespräch mit Thomas Grimm erinnert sich der Historiker und Publizist an seine Begegnungen mit Ulbricht, die Rückkehr der deutschen Kommunisten aus Moskau und die Entstehung der politischen Machtstrukturen in der sowjetischen Besatzungszone.
Dabei schildert Leonhard historische Ereignisse, die er selbst miterlebte, und zeichnet zugleich ein persönliches Bild Walter Ulbrichts.
Begegnungen mit Walter Ulbricht im sowjetischen Exil
Wolfgang Leonhard erinnert sich an seine ersten Begegnungen mit Walter Ulbricht in der Sowjetunion.
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wird Leonhard nach Kasachstan umgesiedelt. Dort trifft er im Dezember 1941 erneut auf führende deutsche Kommunisten, darunter Ulbricht.
Später begegnet er ihm in Moskau und erlebt die Vorbereitungen für die Rückkehr kommunistischer Funktionäre nach Deutschland.
Leonhard beschreibt Ulbricht als disziplinierten, nüchternen und organisatorisch denkenden Politiker. Persönliche Gefühlsäußerungen habe er bei ihm nur selten wahrgenommen.
Die Gruppe Ulbricht und der politische Neubeginn 1945
Im Frühjahr 1945 gehört Wolfgang Leonhard zur sogenannten Gruppe Ulbricht, die nach Deutschland geschickt wird, um beim Aufbau neuer Verwaltungen mitzuwirken.
Er erinnert sich an die Ankunft im zerstörten Berlin und an die politischen Direktiven, die Walter Ulbricht seinen Mitarbeitern erteilte.
Ausführlich schildert Leonhard, wie kommunistische Funktionäre mit Sozialdemokraten, bürgerlichen Politikern und anderen gesellschaftlichen Kräften zusammenarbeiten sollten.
Dabei geht es auch um die Gründung neuer Parteien, die Besetzung wichtiger Verwaltungspositionen und den Einfluss der sowjetischen Besatzungsmacht.
Leonhard beschreibt, wie der politische Neubeginn nach außen demokratisch gestaltet werden sollte, während zugleich entscheidende Weichenstellungen von der sowjetischen Führung und der KPD vorgegeben wurden.
Die Gründung der SED und der Weg zur deutschen Teilung
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Jahr 1946.
Wolfgang Leonhard erinnert sich an die Diskussionen innerhalb der Sozialdemokratie und an die unterschiedlichen Vorstellungen über eine Zusammenarbeit mit der KPD.
Er schildert, wie aus dem zunächst diskutierten Zusammengehen zweier Arbeiterparteien schließlich die Vereinigung zur SED wurde.
Dabei berichtet er auch von seinen damaligen Hoffnungen auf eine eigenständige politische Entwicklung Deutschlands und von der zunehmenden Ernüchterung über den sowjetischen Einfluss.
Das Gespräch verdeutlicht, wie früh wichtige Grundlagen für die spätere politische Ordnung der DDR geschaffen wurden.
Walter Ulbricht, Erich Honecker und das Ende einer politischen Karriere
Im letzten Teil des Gesprächs beschäftigt sich Wolfgang Leonhard mit Walter Ulbrichts Persönlichkeit und seinem politischen Schicksal.
Anhand seiner Erinnerungen und seiner Auseinandersetzung mit einer Ulbricht-Biografie beschreibt er dessen außergewöhnliches organisatorisches Geschick, aber auch den autoritären Umgang mit innerparteilichen Gegnern.
Besonders ausführlich spricht Leonhard über die Entmachtung Ulbrichts durch Erich Honecker.
Er schildert die politische Isolation des einst mächtigen Parteichefs und die Demütigungen, die Ulbricht in seinen letzten Lebensjahren erfahren musste.
Dabei zieht Leonhard Parallelen zwischen Ulbrichts eigenem Umgang mit politischen Gegnern und der Art, wie er schließlich selbst aus dem Machtzentrum verdrängt wurde.
Auch das Leben innerhalb der DDR-Führung und die persönlichen Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern werden angesprochen – Themen, zu denen der Film Das Politbüro privat weitere Einblicke ermöglicht.
Wolfgang Leonhard erinnert sich schließlich an Ulbrichts Tod und die offiziellen Trauerbekundungen der SED-Führung.
Seine Schilderungen bieten zugleich eine historische Grundlage, um die spätere Entwicklung der Partei bis zu ihrer letzten Führungsgeneration um Egon Krenz einzuordnen.
Ein außergewöhnliches Zeitzeugengespräch über die Anfänge der DDR, die Entstehung der SED und die Geschichte Walter Ulbrichts – erzählt von einem Mann, der entscheidende Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte aus unmittelbarer Nähe erlebte.
Weitere Zeitzeugen und Filme zum Thema
Egon Krenz – Der Kreml und die deutsche Nation
Der letzte SED-Generalsekretär erinnert sich an
das Verhältnis zur Sowjetunion und die politischen
Entwicklungen vor dem Zusammenbruch der DDR.
Honeckers Flucht – Das Ende eines deutschen Kommunisten
Nach seiner Entmachtung beginnt für Erich Honecker
eine jahrelange Odyssee zwischen Deutschland,
der Sowjetunion und Chile.
Das Politbüro privat – Teil 1 und 2
Zwei Dokumentarfilme über das persönliche Leben
der DDR-Führung und den Alltag hinter den
Kulissen der politischen Macht.