Walter Markov – Ein Historiker zwischen Widerstand und Revolution
Walter Markov (1909–1993) gehört zu jenen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, deren Lebensweg untrennbar mit den politischen Umbrüchen ihrer Zeit verbunden ist. Als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, marxistischer Historiker und kritischer Sozialist erlebte er Verfolgung, Gefangenschaft, politische Hoffnungen und tiefe Enttäuschungen.
Der Dokumentarfilm „Freiheit wird die Welt erobern“ zeichnet das Porträt eines Wissenschaftlers, für den Geschichte keine abgeschlossene Vergangenheit war, sondern eine fortwährende Auseinandersetzung mit Freiheit, Gleichheit und gesellschaftlicher Veränderung.
Eine Jugend zwischen Sprachen, Kulturen und Nationalitäten
1909 in Graz geboren, wächst Walter Markov in einer Familie auf, deren Lebenswege durch die verschiedenen Regionen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie führen. Seine Kindheit und Jugend verbringt er unter anderem in Ljubljana, Belgrad und Rijeka.
Der Wechsel zwischen Sprachen, Schulen und kulturellen Traditionen prägt sein Weltbild. Schon früh begegnet er den nationalen Gegensätzen Europas und entwickelt eine ausgeprägte Abneigung gegen Nationalismus und Chauvinismus.
Der Erste Weltkrieg und der Zerfall der alten europäischen Ordnung wecken sein Interesse an politischen Zusammenhängen. Geschichte wird für ihn nicht allein zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, sondern zur Frage nach den Ursachen gesellschaftlicher Veränderungen.
Widerstand gegen Hitler – Zwölf Jahre Zuchthaus
Während seines Geschichtsstudiums in Deutschland erlebt Markov den Aufstieg des Nationalsozialismus. Nach der Machtübernahme Hitlers steht er vor einer folgenreichen Entscheidung: Soll er Deutschland verlassen oder den Widerstand gegen die Diktatur unterstützen?
Obwohl ihm sein ausländischer Pass die Ausreise ermöglicht hätte, entschließt er sich zu bleiben.
1934 gründet Markov an der Universität Bonn eine antifaschistische Widerstandsgruppe. Die Mitglieder versuchen, Opposition gegen die nationalsozialistische Herrschaft zu organisieren.
1935 wird die Gruppe verraten. Im anschließenden Prozess übernimmt Markov die Verantwortung und versucht, seine Mitstreiter zu entlasten. Wegen Hochverrats wird er zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt er in Haft.
Neubeginn in Leipzig – Hoffnungen auf eine andere Gesellschaft
Nach seiner Befreiung versucht Walter Markov zunächst, seine wissenschaftliche Laufbahn in Bonn fortzusetzen. Doch die Rückkehr an die Universität gestaltet sich schwierig.
1947 geht er nach Leipzig. Dort entsteht in den Nachkriegsjahren ein bemerkenswertes intellektuelles Umfeld.
Wissenschaftler und Schriftsteller wie Ernst Bloch, Hans Mayer, Werner Krauss und Ernst Engelberg kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen aus Widerstand, Exil und Verfolgung zusammen.
Viele von ihnen verbindet die Hoffnung, nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen.
Markov beteiligt sich an diesem wissenschaftlichen und politischen Neubeginn. Gleichzeitig erkennt er zunehmend die Widersprüche zwischen revolutionären Idealen und den Machtstrukturen des entstehenden sozialistischen Staates.
Der Konflikt mit der SED – Freiheit und politische Macht
Die zunehmende politische Kontrolle über die Universitäten und das geistige Leben der DDR führt zu Konflikten.
1951 wird Walter Markov im Zuge der innerparteilichen Auseinandersetzungen aus der SED ausgeschlossen. Sein unabhängiges Denken und seine Haltung gegenüber der Parteidisziplin haben ihn politisch angreifbar gemacht.
Doch Markov lässt sich auch durch diese Erfahrung nicht von seiner wissenschaftlichen Arbeit abbringen.
Im Film erinnert er sich an die unterschiedlichen Erfahrungen der kommunistischen Emigranten und der Widerstandskämpfer, an die Hoffnungen der unmittelbaren Nachkriegszeit und an die Enttäuschungen über den Stalinismus.
Eine zentrale Frage seines politischen Denkens lautet: Wie lassen sich gesellschaftliche Ordnung und individuelle Freiheit miteinander vereinbaren?
Die Französische Revolution – Forschung über die radikale Linke
Walter Markovs wissenschaftliches Lebenswerk gilt besonders der Geschichte der Französischen Revolution.
Dabei interessiert er sich nicht allein für ihre bekannten Führungsfiguren. Er untersucht vor allem jene radikalen Kräfte, deren Forderungen nach sozialer Gleichheit und umfassender gesellschaftlicher Veränderung über die politischen Ergebnisse der Revolution hinausgingen.
Zu seinen wichtigen Forschungsgegenständen gehört der Revolutionär Jacques Roux.
Markovs Arbeiten eröffnen neue Perspektiven auf die sozialen Konflikte revolutionärer Bewegungen. Darüber hinaus beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte außereuropäischer Gesellschaften und den Unabhängigkeitsbewegungen Afrikas.
Sein wissenschaftlicher Ansatz widerspricht einer Geschichtsschreibung, die politische und gesellschaftliche Entwicklungen ausschließlich aus europäischer Sicht betrachtet.
Hans Mayer und Manfred Kossok erinnern sich
Neben Walter Markov kommen im Film zwei seiner Weggefährten zu Wort.
Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer erinnert sich an die Leipziger Nachkriegsjahre, das Klima politischer Überwachung und die selbstverständliche Solidarität unter kritischen Intellektuellen.
Der Historiker Manfred Kossok würdigt Markovs Forschungen über revolutionäre Bewegungen und fragt nach ihrer Bedeutung für das Verständnis der politischen Umbrüche von 1989.
Ihre Erinnerungen ergänzen Markovs persönliche Erzählung um eine wissenschaftliche und zeitgeschichtliche Perspektive.
Freiheit wird die Welt erobern – Geschichte als offene Frage
Als sich 1991 Leipziger Studenten gegen die Abwicklung ihrer Institute wehren, besucht Walter Markov die Protestierenden. Die politischen Umbrüche nach dem Ende der DDR stellen auch sein eigenes Lebenswerk in einen neuen Zusammenhang.
Bis zuletzt beschäftigt ihn die Frage, was von den Idealen der großen Revolutionen geblieben ist und welche Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung weiterhin bestehen.
Markov betrachtet den Sozialismus nicht als fertiges Modell, sondern als widersprüchlichen historischen Prozess. Soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit gehören für ihn untrennbar zusammen.
„Freiheit wird die Welt erobern“ ist das eindringliche Porträt eines unbequemen Historikers, der die großen politischen Konflikte des 20. Jahrhunderts nicht nur erforschte, sondern selbst durchlebte.
Ein Film über Widerstand, politische Überzeugungen, wissenschaftliche Unabhängigkeit und die Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft ihren Menschen tatsächlich zugesteht.
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