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Kritik: Das Narrenschiff von Christoph Hein

Auf dem Klappentext des Suhrkamp-Buches heißt es: „Der neue, epochale Roman des Bestsellerautors über die Geschichte der DDR.“ Kann der Autor dieses Versprechen einlösen? Kann Christoph Hein dem Thema DDR eine neue, überraschende Facette künstlerischen Erzählens hinzufügen? Schon nach den ersten Seiten beschleicht einem das Gefühl, all diese Charaktere irgendwie zu kennen, die der Autor hier in Bewegung gesetzt hat. Ein Panoramabild grenzenlosen Opportunismus, meint der Soziologe Steffen Mau im Roman zu erkennen. Besonders die Funktionäre der Einheitspartei, mit welchem biografischen Rucksack sie auch immer im ostdeutschen Teil des Nachkriegsdeutschlands gestrandet sind, werfen sich auf den Teppich vor der Macht nach Moskaus Gnaden. Das Personenensemble des Romans ist überschaubar. Zwei Ehepaare, Karsten und Beate Kremser, Ivonne und Johannes Kaczmarek, wobei in beiden Ehen die Männer deutlich älter als die Frauen sind und ein schwuler Literaturwissenschaftler besetzen die Hauptrollen. Ihre Lebensgeschichten entfalten sich auf der Zeitschiene der DDR von ihrem Beginn bis zu ihrem Ende. Karsten Emser kann auf eine kommunistische Vergangenheit vor seinem Exil in der Sowjetunion zurückblicken. Johannes Kaczmarek war als deutscher Wehrmachtsangehöriger in sowjetischer Gefangenschaft zum Nationalkomitee Freies Deutschland übergetreten. Beide stellen sich frühzeitig in den Dienst des neuen ostdeutschen Staates, wobei Johannes Kaczmarek seine Gesinnungsänderung in besonderer ideologischer Treue immer aufs Neue beweisen wil

Bild: Christoph Hein
Christoph Hein

Ein Leser, der sich etwas in der DDR-Historie auskennt, bemerkt schnell, dass Christoph Hein seine Hauptfiguren an reale Persönlichkeiten des untergegangenen Staates anlehnt oder mehrere Biografien in einer Person aufgehen lässt. So ist in Professor Kuckuck offensichtlich der Germanist Hans Meyer das maßgebende körperliche und geistige Vorbild, aber auch Walter Janka oder der erste Direktor des DDR-Filmarchives Rudolf Bernstein leihen der Romanfigur biografische Elemente. Wobei von letzterem wiederum dessen Komintern-Zeit im Moskauer Exil den biografischen Hintergrund von Karsten Emser bilden könnte. Als Ökonom und Mitglied des ZK nimmt seine Figur weitere biografische Anleihen von mehreren DDR-Wirtschaftswissenschaftlern wie zum Beispiel Fred Oelßner in sich auf. Wahrscheinlich aber ist Karsten Emser, er darf nach Maßgabe seiner Frau im Haus keine Bücher im Schlafzimmer aufstellen, dem Nestor der DDR-Wirtschaftswissenschaften Jürgen Kuczynski wesentlich nachempfunden. Der sich selbst als „linientreuen Dissidenten und fröhlichen Marxisten“ beschrieben hatte und durch seine große Privatbibliothek nicht nur in der DDR bekannt war. Er hatte mit Stolz verkündet, den ökonomischen Teil von Honeckers Reden auf den Parteitagen ausgearbeitet zu haben.

Bei einigen Personen der Zeitgeschichte genügen Hein lediglich verfremdete Nachnamen aus der Tierwelt wie zum Beispiel Markus Wolf als Markus Fuchs oder Wolfgang Vogel als Rechtsanwalt Amsel. Neben dem Wittenberger Predigerseminar von Friedrich Schorlemmer und dem Berliner Ensemble kann man viele andere kulturelle Institutionen und informelle Zirkel der DDR-Gesellschaft ohne große Mühen im Roman erkennen.

Damit sind vielleicht die fröhlichsten Stellen des 750seitigen Romans vermerkt. Ein solches Buch bar jeder Lebensfreude vom großartigen Erzähler Hein ist schon bemerkenswert. Bereits mit dem ersten Auftritt der handelnden Hauptfiguren ist ihnen das Scheitern ins Stammbuch geschrieben. Was dem Leser auf den kommenden Seiten zunehmend langweilt, sind diese ständigen Wiederholungen der teleologisch angelegten Lebenswege von Kuckuck, Emser und Kaczmarek. Der Autor hat ihnen eine Lebensaufgabe verordnet, die ihnen keinen Ausweg oder Handlungsspielraum lässt. Das Scheitern ihrer Träume und Vorstellungen von einer anderen, nichtkapitalistischen Gesellschaft wird so ostentativ vom Ende her erzählt, dass es im Roman keine Überraschungen geben kann. Heins Figuren sind auf einer fixen Schiene zu einem vorbestimmten Ort unterwegs und genau das macht das Buch so fahl. Nirgends ein Funken Hoffnung, ein freudloses Leben in einem dystopischen Raum. Man fragt sich als Leser, sind diese Romanfiguren überhaupt Menschen aus Fleisch und Blut oder werden hier Figuren aus vorgeformter Knetmasse in Szene gesetzt?

Dabei hätte es viele Überraschungsräume für den Autor gegeben. Warum nicht Kuckuck zum Professor für Germanistik an der Universität Leipzig machen, der dann nach dem Einmarsch in die CSSR 1968 in den Westen geht. Oder Kaczmarek noch einmal in der Gorbatschow Ära mit Reformideen aufblühen lassen? Karsten Emser hätte in das Politbüro nach Honeckers Sturz aufsteigen können. Am Ende wären sie natürlich auch alle gescheitert, aber sie hätten gezeigt, dass Leben in ihnen steckt, dass der Mensch hofft und strebt so lang er lebt.

Aber Christoph Hein ist so besessen von der Zwangsläufigkeit seines Romangeschehens, dass er seine Figuren nicht an der Wirklichkeit scheitern lässt, sondern an ihrer Vorbestimmung. Wie überhaupt die geschichtlichen Ereignisse bei ihm kaum mit den handelnden Personen verwoben werden. Der Autor berichtet die historische Chronologie nebenher in einem fast populärwissenschaftlichen Tenor.

Teilweise irritierend sind die Frauenfiguren. Insbesondere Yvonne Kaczmarek, die in einer naiven Angepasstheit, sich nach dem nächsten Orgasmus sehnend mit einem Schuhtick durch den Roman tippelt. So viel Klischee traut man Christoph Hein eigentlich nicht zu. Sollte es aus Sicht des Autors Humor sein, dann ist der mit Frauenfeindlichkeit besser beschrieben.

Was aber unbedingt positiv hervorgehoben werden muss ist Heins präzise Darstellung von Parteigläubigkeit, die sich in persönliche Zwangshandlungen ummünzt. Die Treue zur Partei steht über allem besseren Wissen. Ein Kadavergehorsam ist die Folge und wer sich davon nicht befreien konnte, nimmt es in Kauf, sich selbst und seine Familie zu zerstören. Und noch etwas macht dieser Roman sichtbar: nämlich, dass man den Terror der Stalinzeit nicht nur an den Millionen Ermordeten und Gulag-Opfern festmachen sollte. Er hat in der sozialistisch-kommunistischen Bewegung einen Impetus der Angst und Selbstverleugnung hinterlassen, der bis heute nachwirkt. Christoph Heins Roman zeigt wohin das führen kann und gibt für die Gegenwart ein warnendes Beispiel, dass jede Ideologie zu hinterfragen ist und auch wiederholte öffentliche Deutungen der Gegenwart das eigene Denken nicht ersetzen dürfen. Die alten Narren sind von Bord gegangen, aber noch ankert das Schiff vor unserer Tür.